Betrunkene vor dem Bahnhof. Was tun?

Bahnhof Aachen Vorplatz

Der Platz vor dem Bahnhof in Aachen. 

Auf einem kleinen Platz vor dem Bahnhof in Aachen (und nicht nur da) treffen sich Menschen, die durch ihr stark abweichendes Verhalten auffallen und von einigen Zeitgenossen als massiv störend empfunden werden. Die weit verbreitete Bezeichnung dieser Menschen als „Säufer und Junkies“ und die in vielen Städten geführte Diskussion über ein generelles Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen veranlasste Sozialarbeiterin Nadine van der Meulen, sich hier in einem Gastbeitrag einmal grundsätzlich zu äußern.

 

Von Nadine van der Meulen

Zunächst habe ich mir aus Sicht der Sozialen Arbeit folgende Gedanken gemacht:

– Es kann nicht sein, dass über Menschen als „Säufer und Junkies“ gesprochen wird.
– Es sollte mit den Menschen, die an öffentlichen Plätzen Alkohol und Drogen konsumieren gesprochen werden um zu erfahren, was Sie sich von der Stadt wünschen.
– Es sollten auch mehr Schlafplätze geschaffen werden.
– Es sollten Räume geschaffen werden (neben dem Dönerladen steht ein Raum leer am Bushof), in denen die Menschen sich aufhalten können.
– Runder Tisch mit den Betroffenen (auf beiden Seiten).
– Überdenken der Wortwahl: Wir sind ALLE Menschen. Aufgrund der Wortwahl werden die Menschen nicht wie Menschen behandelt.
– Angebote für den Winter schaffen, Menschen bei Amtsgängen unterstützen!
– Auf Grundgesetz und Menschenrechte hinweisen.
– Bericht der Polizei einfordern: Wie oft gab es Übergriffe? Anzeigen? Wie oft musste die Polizei in diesem Jahr raus, weil betrunkene an diesen Orten jemanden belästigt hatten?
– Wer definiert hier, wie Sauberkeit und Ordnung zu sein haben? Alkohol ist ein legal zu erwerbendes Genussmittel. Dass auch andere über die Stränge schlagen ist bekannt.
– Aufgrund eines sozioökonomischen Status, Menschen zu verurteilen ohne je mit ihnen gesprochen zu haben, das geht gar nicht.
– Wenn sich Geschäftsleute und Gastronome belästigt fühlen, dann sollen sie Alternativen für die Menschen vorschlagen!
-Was wir dagegen tun? Wir unterhalten uns auf Augenhöhe mit diesen „Säufern und Junkies“, um zu erfahren was Sie brauchen um sich in Aachen besser und nicht abgestempelt zu fühlen.
– Müssen nicht eher die „Säufer und Junkies“ geschützt werden, da es seitens Anwohnern und Geschäftsleuten Übergriffe gab?
– Verdrängung löst das Problem nicht.
– Arbeit vom „Kontakt Cafe“ loben – http://www.suchthilfe-aachen.de/kontaktcafe.php

Wenn es die anderen Leute – wie vielfach berichtet wird – so stört, sollte man grundsätzlich mal die Frage in den Raum werfen, ob ein Verbot von legalen Drogen dazu führen würde, dass betrunkene Medien-Profis auch nicht mehr gegen das geltende Gesetz verstoßen würden und dementsprechend ein authentischer Rahmen geschaffen würde. Mit anderen Worten:

Es wird sich über „Säufer und Junkies“ beklagt, selbst sind viele Menschen aber auch nicht besser! Und nur aufgrund eines sozioökonomischen Status kann ich niemanden verurteilen. Das ist für mich dann kein authentischer Umgang mit der Thematik.
– Alkoholsucht ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
– Die Menschen wurden im Rahmen des Baus des Aquis Plaza gezielt von Polizei und Ordnungsamt verdrängt und halten sich nun vermehrt am Bahnhofsplatz  auf.
– Zutritt dieser Gruppen und Menschen wird durch Sicherheitspersonal verwehrt und beim Betreten des Hauses verwiesen, damit sich diese dort nicht innen (im Aquis Plaza) aufhalten.

Nun werfe ich an dieser Stelle einen Blick auf die Grund- und Menschenrechte.
Grund- und Menschenrechte stehen noch vor allen anderen nachrangigen Rechten. Diese sind zunächst vorrangig zu beachten. Es steht Menschen frei, sich dort aufzuhalten wo sie möchten, auch wenn dies den Händlern ein Dorn im Auge zu sein scheint. Diesen Menschen wird ein Leben in Würde  abgesprochen, weil sie das „Stadtbild stören“.

Es ist außerdem nicht klar, wo Schutz überhaupt nötig war. Dahingehend muss eine Auskunft der Polizei erfolgen, wie viele „schützende“ Einsätze nötig waren bzw. wie oft eine Streife aufgrund von belästigten Passanten oder Händlern die Situation auflösen musste.

Was ich nicht verstehe, ist, warum mit den Menschen niemand authentisch ins Gespräch geht. Wir sprechen hier von Menschen wie du und ich. Es ist gesellschaftlich anerkannt nach Feierabend in die Kneipe zu gehen. Es ist allerdings gesellschaftlich nicht anerkannt, sei Bier in der Innenstadt oder am Bahnhofsvorplatz zu trinken. Welche Räume für die Menschen sind denn bis jetzt gerade an diesen Orten geschaffen worden, um diese nicht „vertreiben“ zu müssen?

Ein räumliches Alkoholverbot in diesem Sinne zeugt zum einen davon, nicht genau zu wissen wer welchen Raum benötigt, zum anderen die Frage: Wer muss vor wem genau geschützt werden? Ein räumliches Alkoholverbot unterstellt den Menschen, dass gerade diese hochgradig gefährlich und kriminell an diesen Orten sind.

Warum nehmen Bund und Länder, aber auch die Stadt nicht mehr Geld in die Hand, um Sozialarbeiter*innen und Streetworker*innen zum einen wertschätzend zu bezahlen und zum anderen mehr für diese Orte einsetzen zu können und Projekte sowie weitere Unterkünfte realisieren zu können?

Am Kaiserplatz gibt es zum Beispiel das Projekt, dass die Menschen, die dort konsumieren, die Möglichkeit haben, Blumen auf dem Platz zu pflanzen. Könnte man solche oder ähnliche Projekte nicht auch an anderen Orten, wie dem Bahnhofsvorplatz realisieren.

Das gesamtgesellschaftliche Problem im Blick:
Alkohol- und Drogensucht sind Süchte, die sich niemand selbst aussucht, sondern durch bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen ausgelöst werden können. Zuerst war es nur ein Bier am Abend, dann mehr etc. Das Hauptproblem liegt aber woanders. Eine „Normalbiographie“ im Sinne von: Wohnraum, Arbeit, Studium, einem speziellen ökonomischen Status bedarf keiner Beachtung. Allerdings wird alles andere, was eben nicht der „Normalbiographie“ entspricht im Sinne von: keine bis kaum Bildung, wenig Geld, keine Arbeit, Bezug von ALG II oder Obdachlosigkeit immer noch als Fehlverhalten des Einzelnen wahrgenommen. Das kann und darf nicht sein!

Ein großes Manko dabei ist außerdem, dass sich niemand für die Biographie der Menschen interessiert, sondern nur für sein oder ihr Fehlverhalten. Für die Biographie ist in der Gesellschaft kein Platz. Gibt es überhaupt einen Raum, in dem die Biographie Platz hat und sich Menschen authentisch für die Biographie des Gegenübers interessieren?

Chef*innen scheren sich nicht darum, was für eine Biographie der oder diejenige mitbringt, Hauptsache der Lebenslauf stimmt. Eine Biographie ist allerdings mehr als der Lebenslauf auszusagen vermag. Diese Nicht-Beachtung kann und darf nicht sein! Wenn mit Mitarbeiter*innen unter authentischer Beachtung ihrer Biographie – nicht ihres Lebenslauf auf Augenhöhe umgegangen würde, dann würden diese folglich auch weniger krank und sich authentisch wertgeschätzt fühlen. Das denke ich auch bei der Problematik der Vertreibung von Menschen, die Alkohol und Drogen in der Stadt oder an anderen Orten konsumieren, wenn diese wertgeschätzt und nicht wie Menschen zweiter Klasse oder Abfall, der nichts wert ist, behandelt würden, dann wäre auch eine Arbeit auf Augenhöhe sichtbar, denn wir sind alle Menschen! Ausserdem muss Ungleichbehandlung in der Bezahlung von Arbeit aufhören und jeder Mensch den gleichen Lohn für seine Arbeit erhalten.

Dieser Rattenschwanz an Problemen findet gesellschaftlich nur wenig Beachtung mit dem Argument: „Das sind die Leute alles selber schuld!“ Das sehe ich nicht so. Wenn es darum geht, die Gesamtsituation in kleine Einzelsituationen aufzusplitten wird deutlich, dass immer nur die Menschen einen Nachteil haben, die ohnehin schon arm sind.

Das Mobilticket beispielsweise wird im kommenden Jahr fast 8 Euro über dem Regelsatz des ALG II liegen. Nun fragt man sich aber, wann werden Bund und Länder sich endlich um Armut kümmern? Wenn jemand, der ohnehin schon an Essen und Kleidung sparen muss, an der Stelle noch mehr sparen muss, um überhaupt mobil sein zu können . . . da läuft eindeutig etwas falsch.

Authentische Wertschätzung auf Augenhöhe mit den Menschen mit ihren Biographien muss im Vordergrund der Arbeit stehen! So auch an diesen Orten.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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Eine Antwort zu Betrunkene vor dem Bahnhof. Was tun?

  1. Nicole Podschadel schreibt:

    Die aufdringlichen Werber für „Gute Zwecke“, wie sie samstags immer am Elisenbrunnen stehen, stören mich weitaus mehr als die paar Menschen am Bahnhof mit Bierflasche in der Hand. Guter Beitrag, der meine volle Unterstützung hat.

    Gefällt mir

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