Die heilige Elisabeth findet das geil

Aachen, St. Elisabeth

Blick zur Decke: St. Elisabeth in Aachen.

Dieser Tage spazierte ich an der Kirche St. Elisabeth vorbei und Wehmut ergriff mein Herz. Als ich nämlich noch furchtbar jung war und noch lange keine Redakteurin, wurde ich zur ersten selbstständigen Berichterstattung zu einer Pressekonferenz (PK) in diese Kirche an der Jülicher Straße geschickt. Pfarrgemeinde und Pfarrer wollten irgendwas angekündigt oder mitgeteilt haben, heute weiß ich nicht mehr, worum es ging.

Immerhin nahm sich aber der Geistliche, ein älterer Herr, die Zeit, mir zu erzählen, wer eigentlich die heilige Elisabeth gewesen ist. Ich las danach noch etwas über die Dame und fand sie ultra-ultra-cool. Sie hatte sich gegen ihre Eltern durchgesetzt, wollte nicht so (in Saus und Braus) leben, wie es ihre komplette Umgebung von ihr erwartete, sie musste stark sein und kämpfen und hat erreicht, ihren sehr eigenwilligen, damals völlig unüblichen Lebensweg realisieren zu können.

Später fand sich in meinem Bericht für die Redaktion auch eine längere Passage über das Leben der Elisabeth, eine Thematik, die gar nichts mit der ursprünglichen Pressekonferenz zu tun hatte, die ich aber – wie ich meinte – geschickt in den Text eingewoben und mit Herzblut verfasst hatte. Um es kurz zu machen: Mein Text wurde redigiert, fand Anklang, nur die Passage mit der heiligen Elisabeth wurde – ratzfatz – vom Redakteur gestrichen.

Ein prägendes Erlebnis. Dazu muss ich sagen, dass ich damals noch ständig das Gefühl hatte: Wenn einer an meinem Text was ändert, das ist, wie wenn mir einer einen Finger abhackt. Geht ja gar nicht. Nach einem Studium der Germanistik dachte ich nämlich tatsächlich, kein Mensch auf der Welt sei so eng und vertraut mit der deutschen Sprache und der Literatur verbunden wie ICH.

Aber diesbezüglich war damals einfach nur kein Mensch so sehr auf dem Holzweg wie ich. Die Texte der Herren Kleist und Humboldt schwirrten mir dauernd im Kopf rum, ich hatte so viel von und über sie gelesen, dass eine gewisse Nähe entstanden war – einschließlich Übernahme altertümlicher Formulierungen in den täglichen Sprachgebrauch. OMG

Im Laufe meiner „Karriere“ als Feld-und-Wiesen-Journalistin bei einem lokalen Blättchen in Aachen habe ich dann später selber freien Mitarbeitern die Texte zusammengestrichen und erlebt, wie sich diese Mitarbeiter vor Schmerz fast krümmten. Es tat mir so leid, aber es musste sein.

Heute, nach ungefähr acht Metern feministische Literatur, weiß ich übrigens auch, dass damals mit der heiligen Elisabeth ein „Role Model“ meinen Weg kreuzte. Endlich, endlich mal ein Vorbild für mich, eine junge Frau, die krass ausschert, es gibt es also doch. Das mit dem „Role Model“ war mir aber damals keinen Millimeter weit bewusst.

Das sind immer so meine Gedanken, wenn ich an der Kirche vorbeigehe. Und weil ich Zeit hatte, ging ich dann dieser Tage einfach nochmal in das Gebäude rein. Und jetzt, nach dieser langen Einleitung, kommt erst das, was ich eigentlich mitteilen möchte:

Am Freitag, 5. August, um 18 Uhr wird in der Kirche St. Elisabeth, quasi schräg gegenüber vom Ludwig Forum, das „Hotel total“ eröffnet.

Die Kirche ist schon läääängst entwidmet, sie wurde von einem Aachener Investor gekauft und Künstler, Handwerker und Flüchtlinge dürfen dort offenbar machen, was sie wollen. Derzeit wollen sie für drei Monate ein Hotel (einschließlich Hotelbar) einrichten, dessen Aufbau gerade in vollem Gange war, als ich den Kirchenraum betrat.

Das „Hotel total“ soll ein Ort für Kunst, Kultur und Leben sein. Und ein kreatives, multikulturelles Zentrum in Aachen. „Von August bis Oktober 2016 lassen wir diese Vision Wirklichkeit werden“, so wird mitgeteilt. Und weiter: Für drei Monate eröffnet am 5. August ein Hotel mit allem was dazugehört – in der leer stehenden Kirche St. Elisabeth. Gastgeber sind Aachener und Menschen aus aller Welt.

Ich bin ziemlich sicher: Die heilige Elisabeth ist begeistert und findet das geil.

Blick in eine Koje, wo bald Menschen wohnen werden.

Blick in eine Koje, in der bald Menschen wohnen werden.

Die Hotelbar. Nehme an, dass dort demnächst eine Dame namens Gloria die Drinks serviert.

Die Hotelbar. Nehme an, dass dort demnächst eine Dame namens Gloria die Drinks serviert. Oben auf dem Kreuz befindet sich eine Kamera. (Gott sieht alles?) Mit der wird der Aufbau dokumentiert, die Kamera kommt aber bald wieder weg, habe mich eigens erkundigt. Auch der Künstler hat sich wegen der Kamera beschwert: Er sieht sein Kunstwerk (das Kreuz) ruiniert. Recht hat er.

Blick in die Kirche auf die Kojen. Mehr schief geht nicht.

Blick in die Kirche auf die Wohn-Kojen. Ich weiß, mehr schief geht nicht.

 

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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