Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XVI

Das Patenkind bereichert weiter mein Leben. Wir treffen uns jetzt nicht mehr jede Woche, sondern nur noch, wenn eine „Katastrophe“ droht. Was ziemlich regelmäßig geschieht.

Ein Beispiel: Ich erinnere mich, dass der Junge mal dringend ein Treffen wünschte, und dann todernst meinte: „Frau Vallot, das Geld in Deutschland ist kaputt.“ Da hatte er wohl irgendwo was von Euro-Krise aufgeschnappt.
„Huch, wie das?“, meldete ich Zweifel an. Ja, der Euro sei kaputt und nun müsse irgendwie neues Geld her. Ein Vorgang, der ihn – sichtlich – in Angst und Schrecken versetzte.
Zum Glück glaubt er mir immer aufs Wort, wenn ich ihm dann z. B. felsenfest versichere: Alles Quatsch. Es gibt kein neues Geld. Und dann erzähle ich ihm von Menschen, die viel quatschen, wenn der Tag lang ist und dass man denen nicht immer glauben darf.

Das Patenkind ist ein anerkannter Asylant, hat eine kleine Wohnung, macht jetzt den Führerschein und arbeitet in einem türkischen Restaurant. Zusätzlich bekommt der Junge Geld via Jobcenter , muss aber immer aufs Neue seitenlange Anträge ausfüllen, muss zum Beispiel immer wieder neu von den Rundfunk-Gebühren befreit werden. Alle diese Dinge müssen ständig neu geregelt werden. Es ist sehr schwer, ihm klarzumachen, dass es besser ist, jeden Tag acht Stunden zu arbeiten und dann Miete, Strom, Wasser und Rundfunkgebühren, Steuern und alles selbst zu bezahlen, als das vom Staat geschenkt zu bekommen. Sehr schwer.

In vielem kennt er sich jetzt aus. Aber auf mich kommt nun eine Arbeit zu, die weit schwieriger ist, als mit ihm die verschiedenen Ämter abzuklappern und komplizierte, verwaltungstechnische Vorgänge zu durchschauen. Das Patenkind ist nämlich in seiner Heimat (Afghanistan) mit einigen gruseligen Vorurteilen ausgestattet worden bezüglich beispielsweise Homosexuellen, Juden, Frauen, ethnischen Minderheiten in Afghanistan, Schweinefleisch usw. Gru.se.lig. Da habe ich im Gespräch so einiges gehört, das muss besprochen werden.

Mit ist klar geworden, dass ein Mensch, nur weil er 7000 Kilometer vor mordenden Taliban flüchtet und um sein Leben rennt, deshalb nicht automatisch ein liberaler und toleranter Mensch wird. Die Vorurteile reisen mit und ihre Überwindung ist eine Herkulesaufgabe.

Der Termin, an dem die Anerkennung seines Status von der Ausländerbehörde verlängert werden muss, rückt immer näher. Und da steht natürlich die Angst, ausgewiesen zu werden, riesengroß vor ihm. Die Farbe in seinem Gesicht wird grau, wenn wir darüber reden. Er fragt mich: Frau Vallot, Deutschland ist anders geworden. Werden die Flüchtlinge jetzt alle weggeschickt?

Große Sorgen machen ihm auch andere, jugendliche Flüchtlinge, von denen er angeblich weiß, dass sie klauen. Das macht ihn richtig fertig, und ich weiß mir da auch keinen Rat. Bei jedem Treffen kommt er früher oder später auf dieses Thema, so als habe er kapiert, dass diese Jungen auch ihm schaden, weil die Stimmung sich langsam gegen die Flüchtlinge richtet.

Was soll ich da sagen?

(wird fortgesetzt)

Vorige Folge siehe: https://uebergangshymne.com/2015/10/13/patenprojekt-fuer-junge-fluechtlinge-folge-xv/

 

 

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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