Überraschung in Politiker-Sitzung: Aus für Gartenprojekt HirschGrün

Stolperstein für Fredy Hirsch in der Richardstraße in Nähe des Suermondt-Ludwig-Museum.

Stolperstein für Fredy Hirsch in der Aachener Richardstraße in Nähe des Suermondt-Ludwig-Museum.

Salat anbauen mitten in der Innenstadt? Bohnenstangen aufstellen und einen selbstgebauten Iglu im neu hergerichteten Suermondt-Park an der Richardstraße? Zusammen in der Erde wühlen und ernten? – Daraus wird nichts. Was seit fast 4 Jahren möglich ist und bisher auch immer in alle Pläne einbezogen wurde, das Projekt „HirschGrün“, erhielt von CDU und SPD in Aachen urplötzlich eine Absage, FDP und Grüne (!) schlossen sich der Großen Koalition an.

Überraschend sei es zu einer Abstimmung bezüglich  „HirschGrün“ gekommen, so berichtete später ein Augenzeuge (ich war selbst nicht bei der Sitzung dabei). Und noch überraschender war, dass die vier erwähnten Parteien dafür stimmten, dass die Verwaltung prüfen soll, ob der Verein sein Urban Gardening gefälligst woanders betreiben kann, irgendwo in Rothe Erde, jwd.

Warum heißt das Projekt HirschGrün? Weil es sich an der Stelle befindet, wo einst der Aachener Fredy Hirsch gewohnt hat. Diesen Mann, der im Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Kindern geholfen hat zu überleben, hat der Aachener Oberbürgermeister höchstselbst erst neulich geehrt.

Vertreter der CDU hätten an der Richardstraße lieber eine Liegewiese, wie im Westpark. Wo sich dann wieder die Anwohner beschweren, weil es zu laut ist. Beim Gärtnern entstehen Begegnung, Gemeinschaft und Engagement für den Stadtteil. Da geht es anders zu als auf einer Liegewiese. Haben die Herrschaften von der GroKo bis jetzt nicht gewusst was Urban Gardening ist? Und jetzt hat es ihnen einer gesagt und sie schreien erschrocken: „Nein, halt, stopp!“ ? Könnte sein.

Jedenfalls sieht es beim Urban Gardening nicht aus wie auf einem Golfplatz. Es geht hier um die Frage, ob man einen anderen Lebensstil akzeptieren kann, oder ob man diesen an den Rand der Stadt verweist, sozusagen aus dem Blickfeld bringt. Da hätte ich mir von CDU/SPD/Grüne/FDP doch etwas mehr Toleranz und Experimentierfreude gewünscht.

Die Piraten haben in der Sitzung nicht mit CDU/SPD/FDP/Grünen gestimmt, sind jetzt ziemlich sauer und haben eine Stellungnahme verfasst, die hier auszugsweise zitiert wird:

Die Piraten Aachen kritisieren das Vorgehen der GroKo zum Suermondt-Park und zum Gemeinschaftsgarten HirschGrün aufs Schärfste.
Durch eine schon handstreichartige Umänderung eines mündlichen Sachstandsberichtes über den Suermondt-Park in eine Entscheidung über die Schließung des Gartenprojektes HirschGrün in der Richardstraße droht völlig überraschend in der Bezirksvertretung Aachen Mitte das Aus für das ambitionierte und preisgekrönte Bürgerprojekt.

Die Bezirksverteter der Opposition sowie die Mitglieder der Initiative wurden durch diese Entwicklung völlig überrumpelt. Die anwesenden Nutzer des Gemeinschaftsgartens hatten nicht die Möglichkeit, zu Wort zu kommen.

Die Entwicklung ist auch deswegen völlig überraschend, weil die Pläne für das Suermondt-Viertel und die Richardstraße schon einige Male umgestellt und dabei in diversen Ausschüssen besprochen und abgestimmt worden sind. Immer ist die Einbeziehung des bundesweit anerkannten und ausgezeichneten Projektes HirschGrün eingeplant gewesen.

Zuletzt hatte die Verwaltung selbst in ihrem „Freiraumkonzept“ das HirschGrün als „Herz des Quartiers“ mit hohem Planungsbedarf und mittlerem Pfegebedarf perfekt umschrieben. Die Stadt muss also kaum selbst pflegen: Das übernehmen die vielen Ehrenamtlichen, die zugleich wichtige Bildungsarbeit und nachbarschaftliche Integrationsarbeit leisten. Was gibt es also aus Sicht von CDU und SPD zu kritisieren?

Dass in der Stadt grüne Orte mit Aufenthaltsqualität fehlen, ist oft und von Seiten der Bürger, der Politik und der Stadtverwaltung angesprochen worden. Ob eine „Liegewiese“, wie von Herrn Dr. Otten von der CDU vorgeschlagen, diese Qualität liefert, bezweifeln wir stark.

„Eine Umsiedlung des Gartenprojektes an Aachens Peripherie halten wir für abwegig. Urban Gardening ist nur urban in der Stadt und nicht am Stadtrand“, sagt der umweltpolitische Sprecher der Piraten, Dirk Szagunn.

*

Unterdessen kommt das Umweltamt der Stadt ausgerechnet heute mit folgender Meldung um die Ecke:

Der Fachbereich Umwelt hat die sieben Broschüren mit dem Titel „Ganz schön nah – Natur erleben in Aachen“ in neuer Gestaltung ein weiteres Mal aufgelegt. Mit den sieben Faltblättern machen die Umweltfachleute auf die Schönheiten der Natur in unserer Heimat aufmerksam.

Sie sind erhältlich für die Innenstadt und für die Stadtbezirke Brand, Eilendorf, Kornelimünster/Walheim, Haaren, Laufenberg und Richterich/Horbach.

Die Faltblätter enthalten eine Einführung in Gebietsbezogene Biotope und schöne Blicke, Einzelheiten und wissenswerte Zusammenhänge der Naturschönheiten im Stadtzentrum. „Wir möchten mit unseren Broschüren die Besonderheiten der Natur zeigen, für mehr Verständnis in Sachen Naturschutz werben und auf umweltverträgliches Verhalten aufmerksam machen“, sagt Elmar Wiezorek, Leiter des Fachbereichs Umwelt.

 

Keine Pointe.

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Lest möglichst auch, was Achim Ferrari (Grüne) auf meiner Facebook-Seite geschrieben hat (alles erfreulich sachlich). Da steht unter anderem: „Die GRÜNEN haben einem Prüfantrag zugestimmt, nicht der Verlagerung (der Fortbestand ist übrigens vertraglich gesichert). Wenn es diesen (aufschiebenden) Prüfauftrag nicht gegeben hätte, hätte die GroKo vermutlich einer Verlagerung schon in der Sitzung zugestimmt. Leider kommen diese „Feinheiten“ des Abstimmungsverhaltens in der Presse (heute großer Bericht in den AN) nicht richtig rüber.“

Einige Unterstützer sammeln sich bei Facebook.

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Update (Sa., 12. März) : Unter der Überschrift „Beachtlicher Flurschaden rund ums Gemüsebeet“ berichtet die Aachener Presse heute ganzseitig über die Vorgänge und den schnell aufgebauten Protest. SPD und Grüne rudern zurück, bzw. erläutern ihre Position, die wohl etwas missverstanden wurde.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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