Angst vor Reaktor-Katastrophe treibt die Aachener auf die Straße

Demo Aachen Tihange

Zur kurzfristig angesetzten Kundgebung in Aachen erschienen gestern (22. 12.) erstaunlich viele Menschen vor dem Elisenbrunnen. Sie alle trieb die Angst vor einem Atomunfall im nahegelegenen Belgien auf die Straße.

Ziemlich plötzlich ist die Anti-AKW-Bewegung zu neuem leben erwacht, jedenfalls in Aachen und dem Umland.

Wie vorauszusehen war, ist die Anti-AKW-Bewegung zu neuem Leben erwacht, jedenfalls in Aachen und dem Umland.

Wie sehr sind uns doch die Belgier sympathisch! Wie oft haben wir uns gefreut, gelacht und sie beneidet um ihren Hang zum Absurden. Über die Art, wie sie das Unwirkliche in der Wirklichkeit bestehen lassen, über ihre Lebenshaltung und Lebenskunst gegen traditionelle Normen. „Ja, ja, die sind die Erfinder des Surrealismus“, haben wir uns immer erinnert.

Absurdes und Fantastisches haben in dem Nachbarland ihren Raum bekommen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Politik, im Geschäftsleben, in den Universitäten und Verwaltungen, jeden Tag. Ganz anders als bei uns in Deutschland.

Allerdings: Wo wir einig sind, sind die Belgier zerstritten. Beim Auseinanderfallen des Landes, so haben Politiker der deutschsprachigen Gemeinschaft kürzlich schon mal wissen lassen, möchte man nicht zu Deutschland, sondern zu Luxemburg gehören. Und wo man in Deutschland ein Sicherheitsbewusstsein entwickelt hat, sind viele Belgier eher sorglos. Zum Beispiel wenn es um uralte Atomreaktoren geht.

 Tihange Aachen transparentIn Belgien, so schrieb in diesen Tagen die „Berliner Zeitung“, seien „die Kompetenzen so unübersichtlich verteilt, dass sich niemand zuständig fühlt“. Das Ergebnis: Alle wursteln sich durch und drücken permanent beide Augen zu. Das gelte für den einzelnen Bürger wie für den Staat insgesamt.

(Ups, diese Einleitung ist etwas lang geraten. Eigentlich soll hier nämlich nur von einer etwa einstündigen Veranstaltung berichtet werden, die gestern auf dem Platz vor dem Elisenbrunnen in Aachen stattfand.)

Die Belgier fahren ihre schrottreifen Atomkraftwerke Tihange und Doel wieder vollständig hoch. Der Druckbehälter von Tihange 2 hat tausende Risse, teilweise bröckelt der Beton. Das geht auch Deutschland etwas an, Tihange liegt nur etwa 70 Kilometer und Doel rund 150 Kilometer von Aachen entfernt. Hier ist die Sorge groß. Die deutsche Ministerin Barbara Hendricks (SPD, zuständig für Reaktorsicherheit, hahaha) meint (noch), da könne man nichts machen, jedes Land sei für sich selbst verantwortlich.

Erstaunlich: Was die Einmischung betrifft, so war man jüngst hinsichtlich Griechenland noch ganz anderer Ansicht. Nicht zur reden von Syrien, Afghanistan, dem Kosovo usw., wo deutsche Politiker ganz deutlich sagten, wo es langgehen soll.

Zur Kundgebung in Aachen kamen gestern wohl an die 1000 Menschen. Und obwohl die Veranstaltung sehr kurzfristig angesetzt war, erschienen u.a. Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU) und Aachens Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) vor Ort, um die Menschen in ihrem Aufbegehren gegen die Gefahr zu bestärken. „Abschalten“, lautete die Forderung, vom FDP-Redner typischerweise als „Bitte“ formuliert. Auch die Linke hatte einen Redner geschickt, alle richteten kurz das Wort an die Menschen.

Nach einem Piraten-Redner wurde ausdrücklich gefragt, doch von denen hat am Elisenbrunnen keiner geredet. Dabei wären gerade die Kompetenzen dieser angeblich technikaffinen Menschen gefragt. Was spielt sich genau in Tihange ab? Müsste nicht eine internationale Experten-Kommission ermitteln, ob die Reaktoren nun schrottreif und gefährlich sind oder nicht? Die belgische Atom-Aufsichtsbehörde FANC ist schließlich an der Spitze besetzt mit Männern, die noch vor Kurzem bei Electrabel (Betreiber des Risse-Reaktors) in Lohn und Brot standen. (s. hier, insbesondere letzter Absatz)

Zu Jan Bens, dem entscheidenden Mann bei der belg. Atomaufsicht, der „fast sein gesamtes Berufsleben, von 1978 bis 2007, bei Electrabel verbracht hat“, siehe auch hier.

Gut eine Stunde dauerte die Kundgebung, von der heute auch in belgischen Zeitungen berichtet wird (s. GrenzEcho). In Aachen empfiehlt es sich mal wieder, einen Blick in die örtlichen Blätter zu werfen, allein schon wegen der eindrucksvollen Fotos.

eli_kunst

s. auch die Seite vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie: www.anti-akw-ac.de

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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