Vier Hallen, ein Risse-Reaktor und ein Orden

westbahnhof Aachen

Blick auf das Gelände an der Aachener Süsterfeldstraße, das zunächst Bauten für Flüchtlinge und später den Campus West beherbergen soll. Foto: Archiv

In diesen Tagen kann man sich in Aachen nicht nur über den AKV ärgern, der mit der Auswahl seiner Preisträger (für den „Orden wider den tierischen Ernst“) fast jedes Jahr dem guten Image der Stadt Aachen Schaden zufügt. Sondern auch über die Kölner Bezirksregierung. Die hat nämlich auf die 61 Fragen der Aachener Politiker zum Risse-Reaktor in Tihange lapidar mitgeteilt, die Fragen seien schon alle beantwortet. Und hat das Schreiben der Aachener sodann in den Papierkorb befördert.

Besonders lustig findet der Aachener Karnevalsverein (AKV) in dieser Session den bayerischen Finanzminister, Markus Söder (CSU). Der hatte, gleich nach den Anschlägen von Paris, die Attentäter (fast alle in Frankreich geboren) mit den Flüchtlingen in Verbindung gebracht. „Paris ändert alles“, meinte der Mann und forderte ein Ende der Willkommenskultur. Söder weiter zur Flüchtlingskrise: „Hier geht es ums deutsche Volk“, und die Flüchtlinge sollten unsere Werte annehmen, also ihre Flüchtlingsheime selbst anzünden oder was?

Söder kann ja sagen was er will, aber wo ist bei diesem elenden CSU-Scharfmacher eigentlich der „Humor im Amt“, für den er in Aachen ausgezeichnet wird? Weniger Humor als Söder haben eigentlich nur die Figuren von der AfD. Müssen wir befürchten, dass als nächstes Frauke Petry (AfD) den Aachener Orden bekommt? Oder die belgische Atomkontrollbehörde FANC?

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Mit einer spektakulären Aktion hatten jüngst Ärzte im Rat der Stadt Aachen vor einer radioaktiven Wolke gewarnt, die aus Richtung Belgien nur drei Stunden bis Aachen braucht. Tausende Risse und mehrere Störfälle in einem Reaktor in Tihange lassen eine Katastrophe nicht unwahrscheinlich erscheinen.

Die belgische Atomkontrollbehörde FANC gab dieser Tage bekannt: Die umstrittenen Reaktoren Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen dürfen wieder ans Netz. Von einem Atomunfall wäre übrigens ganz NRW betroffen.

In den Sitzungen des Bürgerforums vom 16. Juni und 29. September wurde die Bezirksregierung darum gebeten, 61 Fragen zu Tihange und zur Sicherheit der Bevölkerung schriftlich zu beantworten. Wie dann den Zeitungen zu entnehmen war, haben die Kölner mitteilen lassen, an der Sitzung des Bürgerforums nicht teilzunehmen, da die Fragen grundsätzlich bereits beantwortet seien. Alle Politiker im Bürgerforum waren sauer und haben auf Übermittlung der Antworten auf ihre Fragen bestanden. Mal sehen, was jetzt passiert. (Nächste Sitzung des Bürgerforums: Dienstag, 1. Dezember, 17 Uhr, Ratssaal im Rathaus, öffentlich.)

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Noch mal zum Thema „Flüchtlinge“: Vier Hallen werden am Aachener Westbahnhof errichtet (für 1000 Flüchtlinge), dies geschieht auf Veranlassung der Bezirksregierung in Köln. Es sind Hallen für je 250 Personen – in Leichtbauweise. Ab Februar sollen dort Menschen untergebracht werden, nicht dauerhaft, sondern für eine erste Registrierung, bevor sie in andere Städte und Gemeinden weitergeleitet werden. Errichtet wird demnach ein „Erstaufnahmezentrum“. Zuständig ist nicht die Stadt Aachen, sondern die Landesregierung. Zusätzlich wird es auf dem Gelände Hallen (oder Zelte) für Sanitärbereiche und einen Cateringservice geben.

Im September habe ich mir das Gelände, auf dem sich einmal der Campus West befinden soll, bereits angesehen (s. Foto oben). Es ist wirklich riesengroß, angeblich 320.000 Quadratmeter, und liegt – von Aachens Innenstadt aus gesehen – links von der Süsterfeldstraße, zwischen der Bahnlinie und der Süsterfeldstraße. Von der Kühlwetterstraße aus bin ich auf das Gelände draufgekommen. Dort gibt es noch Hallen von der Spedition Schenker, die sind zu gar nichts mehr zu gebrauchen und werden abgerissen. (Falls ihr einen Zugang habt, könnt ihr hier die Bezahlschranke überwinden, und mehr dazu lesen.)

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„Von der Bezirksregierung werden der Stadt Aachen aktuell fast 200 Flüchtlinge regulär pro Woche zugewiesen“, teilt das Presseamt mit. Und weiter: Zurzeit werden die Flüchtlinge unter anderem in den Turnhallen Obere Drimbornstraße, Haarbachtalstraße und Königstraße betreut. Viele Flüchtlinge haben daneben in verschiedenen Wohnungen dezentral im Stadtgebiet eine Bleibe gefunden – allein diese Woche konnten auf diese Weise 69 Menschen ein Dach über dem Kopf finden.

Auch die beiden Stubenhäuser in der Körner-Kaserne, in denen Platz für
fast 200 Flüchtlinge in einer Notunterkunft des Landes geschaffen wurde,
stehen inzwischen den der Stadt regulär zugewiesenen Flüchtlingen zur
Verfügung. Die Plätze für die so genannten „Landesflüchtlinge“, die in
aller Regel nur kurze Zeit in Aachen bleiben, wurden in den vergangenen
Tagen auf die Turnhallen Rombachstraße und Peliserkerstraße verteilt. Ab
nächster Woche steht auch die ehemalige Schule Beginenstraße zur
Flüchtlingsunterbringung bereit.

Mit Hochdruck arbeitet die Stadt, eigenen Aussagen zufolge, ebenfalls an der Fertigstellung des ehemaligen Versorgungsamtes in der Turpinstraße, das hoffentlich noch im Dezember Platz für weitere 90 Flüchtlinge bieten kann.

Zusammengefasst: Derzeit werden mehr als 1900 Flüchtlinge in den verschiedenen städtischen Unterkünften betreut. Daneben bietet die Stadt
Aachen insgesamt 1060 Menschen in den neun verschiedenen Noteinrichtungen des Landes eine Unterkunft. Ferner sind rund 672 unbegleitet minderjährige Flüchtlinge in Aachen untergebracht. Insgesamt leben in der Stadt aktuell rund 3650 schutzsuchende Menschen.

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Eine Antwort zu Vier Hallen, ein Risse-Reaktor und ein Orden

  1. Macke schreibt:

    So ekelhaft der Söder auch ist und so falsch die Entscheidung vom AKV ist: Er wird, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht für Humor im Amt ausgezeichnet, sondern für seine lustigen Verkleidungen (Punker, Shrek, Monroe).

    Viel besser macht es das aber auch nicht. 😦

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