Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XV

Seit wir uns kennen möchte der Junge gern „arbeiten und Geld verdienen“. – „Was?“, frage ich. „Alles“, sagt er immer. Vier oder fünf Stunden am Tag hätte er noch Zeit für einen Aushilfsjob (kellnern, Gartenarbeit, putzen, so sagt er). Bei „Job“ denke ich an JobCenter, und wir gehen da hin. War aber falsch gedacht, man schickt uns zur Arbeitsagentur in die Roermonder Straße. Ich mache einen Termin aus für einen Tag um 9.15 Uhr.

Um 9.15 Uhr trifft das Patenkind in der Arbeitsagentur ein. Und weil ich zunächst über die aktuellen Anschläge in Kabul und Umgebung informiert werden muss, auch darüber, wer laut TV die Attentäter waren und wer in Wirklichkeit hinter allem steckt, klopfen wir erst um 9.30 Uhr an die Tür der Sachbearbeiterin.

Mit vorwurfsvollem Blick und SEHR von oben herab sagt die Dame als erstes: „Der Termin war um 9.15 Uhr.“

Ich muss ehrlich sagen, dass sich 99 Prozent aller Leute freuen, wenn ich überhaupt irgendwo erscheine. An Freundlichkeit bei meiner Ankunft bin ich gewöhnt. Aber dass ich daran gewöhnt bin, das war mir gar nicht bewusst. Andererseits mache ich gern öfter mal was, was ich noch nie gemacht habe. Und das hab ich jetzt davon, dass ich erstmals mit einem Flüchtling zur Arbeitsagentur gehe. Da darf ich mich nicht beschweren, wenn mir was passiert, was ich noch nie erlebt habe.

Außerdem hatte die Dame natürlich Recht, wir waren 15 Minuten zu spät.

Das Gespräch in der Arbeitsagentur entwickelte sich dann doch noch einigermaßen gut. Eine Sache, die wir zunächst nicht kapiert hatten, wurde uns (von der genervten Dame) sogar zweimal erklärt. Wir haben zwar die zweite Erklärung auch nicht verstanden, wagten aber keine weitere Nachfrage.

„Frau Vallot, so sind hier viele Leute.“

(Das Patenkind zu mir nach dem Gespräch mit der Sachbearbeiterin)

Im Ergebnis kam raus, dass auch die Arbeitsagentur keinen Job für den Jungen hat und wir dafür zum „Sozialdienst Aachener Christen.“ in die Rosstraße gehen mussten. Das Wort „Rosstraße“ sprach die Dame übrigens „Roßßßstraße“ aus. (Ich konnte mich nicht zurückhalten, das erstaunt zu korrigieren und darauf hinzuweisen, dass es sich um eine ganz berühmte, alte Aachener Straße handelt. Hallo?)

Dann wurden wir aber schon verabschiedet und machten später einen Termin mit den Christen in der Rosstraße aus. Dort war man zwar freundlich, und wir waren richtig, aber auch dort gab es keinen Job, sondern es wird eine Verbindung zu jemand von der Handwerkskammer hergestellt. (update: Den Herrn haben wir inzwischen getroffen, doch gebracht hat es bis jetzt ebenfalls nichts.)

Und weil wir seitdem nicht gestorben sind, suchen wir noch weiter.

*

Offenlage: Der junge Mann, den ich hier immer „das Patenkind“ nenne, ist volljährig. Aber sei es, weil der Junge spricht wie ein zweijähriges Kind, sei es, weil ihm (immer wieder) vieles mit einfachen Worten erklärt werden muss oder weil der Altersunterschied so extrem groß ist: Für mich ist der ein Kind.

Außerdem versuche ich, die Anonymität des Jungen zu wahren. Deshalb erwähne ich seinen Namen nicht und schreibe nur über Vorkommnisse, von denen ich weiß, das sie viele junge Flüchtlinge in ähnlicher Weise erleben.

Folge XIV findet ihr hier

(Diese Serie wird fortgesetzt)

Sehenswerte Kunst von Alf Lechner vor der Aachener Arbeitsagentur in der Roerminder Straße.

Sehenswerte Kunst von Alf Lechner  Franz Bernhard vor der Aachener Arbeitsagentur in der Roermonder Straße (danke, Johanna, für die Korrektur).

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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Eine Antwort zu Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XV

  1. Anonymous schreibt:

    2er Versuch, vielleicht klappt es ja jetzt: Liebe Margret,
    die Skulptur vor dem Arbeitsamt ist NICHT von ALF LECHNER sondern
    von FRANZ BERNHARD! Nur zur Info!
    Liebe Grüße Johanna Buchholz

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