Der Mob ist los

Während wir in Aachen ins Reitstadion strömten und uns abends bei diversen Konzerten amüsierten, formierte sich andernorts etwas, das nennt man „Mob“. Der Mob ist eine Menschenmenge besonderer Art.

Ich habe noch niemals einen Mob gesehen, wohl in den letzten Tagen oft gelesen, dass hier und da (vornehmlich in Sachsen) ein Mob aufgetaucht ist. Und zwar vor den Unterkünften von Flüchtlingen.

Manche Menschen können es nicht ertragen, wenn andere Geld bekommen, ohne etwas geleistet zu haben.

Manche Menschen können es nicht ertragen, wenn andere Geld bekommen, ohne etwas geleistet zu haben.

Soweit ich mich erinnern kann, wurde ich erstmals auf einen Mob aufmerksam, als die Eheleute Honecker – heimatlos geworden – von der Familie eines protestantischen Pfarrers (!) aufgenommen wurden, und als dann vor deren Haus jeden Abend ein Mob randalierte. Das hat der Pfarrer – oder war es seine Frau? – irgendwo eindrucksvoll beschrieben. Was haben die Eheleute Honecker mit den Flüchtlingen gemeinsam?

Schon damals dachte ich, ich hätte mir – zu Studienzwecken – den Mob gern mal etwas näher angeschaut. Aber ich hatte weder Zeit noch Möglichkeiten. Im digitalen Zeitalter hat sich der Mob selbst gefilmt und man kann ihn sehen.
Es ist eine Masse wütender Menschen, die sich einig ist, die zielgerichtet agiert. Es ist, als hätten sie sich eine Aufgabe gestellt, die sie jetzt hastig alle zusammen erledigen.

Mir scheint, ein Mob hat und braucht keine Anführer. Es entladen sich bei allen Beteiligten im selben Moment dieselben Gefühle. Krass.

Der Mob ist etwas Gottloses, er kennt keine Gnade, er will auf jeden Fall Gewalt ausüben/zündeln/zerstören, und er weiß auch genau, wo das geschehen soll. Die Polizei kann ihn mit Schlagstöcken abdrängen, aber er beruhigt sich dann noch lange nicht. Ich wüsste nicht, dass ein Mob jemals politische Forderungen aufgestellt hat. Hass zeigen, zerstören ohne einen Plan für später, das macht der Mob.

Der Mob kann nicht innehalten. Es sieht so aus, als bestünde er aus Personen, die niemals reflektieren, niemals überlegen, was sie eigentlich machen und wie es weitergehen soll. Bis aufs Blut gereizt, so scheinen sie, wie in Notwehr, wo man nur noch handelt facepalm_07und nicht denkt. Es sind Menschen mit groben Gesichtszügen, die von Bildungsbürgern „bildungsfern“ genannt werden. Wenn man sie sieht, fällt einem das Wort „Habenichts“ ein. Lauter Habenichtse gehen denen an die Wäsche, die ohne alles in Deutschland angekommen sind. Arme gegen Arme, sozusagen. Der Mob gefährdet niemals die Mächtigen. Die können da ganz ruhig und gelassen sein.

Ein Mob war es, der in Istanbul Ende der 1950er Jahre die Häuser und Geschäfte der christlichen Minderheit zertrümmert und geplündert hat. Waren diese Menschen aufgewiegelt? Von wem werden die Sachsen jetzt aufgewiegelt? Von den Nachrichten über die große Hilfsbereitschaft, die vornehmlich im Westen den Flüchtlingen entgegenschlägt?

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Die Rechtschreib-Schwäche der Rechtsextremen ist sprichwörtlich.

In manchen Städten ist es gerade so, als hätten die Menschen auf eine Aufgabe gewartet, die sie jetzt gemeinsam meistern. Kann einen das wütend machen? Offenbar.

Ein Mob ist übrigens gerade das Gegenteil von einem Flashmob und hat auch mit dem Mobben, wie ein bestimmter Psychoterror am Arbeitsplatz genannt wird, nichts zu tun. Auch die Zeitgenossen, die gerade Deutschland-weit gezielt diejenigen Gebäude anzünden, die als Flüchtlingsunterkunft hergerichtet  werden sollen, gehören nicht zum Mob. Sie gehen organisiert vor und haben sich von langer Hand und gründlich über ihre Vorgehensweise abgesprochen.

*

Bürgerinformation zur Flüchtlingsunterbringung

Die Stadtverwaltung Aachen beabsichtigt für die Unterbringung von Flüchtlingen den Parkplatz am Gemmenicher Weg im Bereich Kronenberg als Standort für mobile Wohneinheiten zu nutzen. Der Stadtrat hat dies zuvor so beschlossen.

Um die Bürger am Kronenberg über die geplante Unterkunft für Flüchtlinge zu informieren, laden Verwaltung und Politik am Dienstag, 1. September, um 18 Uhr in das Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Kronenberg 142, zu einer Bürgerinformation ein. Dort werden Vertreter der Stadtverwaltung sowie Ratspolitiker über aktuelle Entwicklungen in der Flüchtlingsunterbringung berichten.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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