Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XIV

„So arm können die Flüchtlinge doch gar nicht sein, die haben doch alle Handys.“

Besonders ältere Menschen reden so. Und dann erklären sie einem, dass ein Flüchtling sich einen Satz in Deutsch ins Handy abgetippt hat und in Windeseile sei dieser Satz in seiner Heimatsprache auf dem Display erschienen. Ja, so was aber auch!

Blogger werden ist nicht schwer. Das kannst du auch.

Blogger werden ist nicht schwer. Das kannst du auch. Sei mutig.

Weil sie selbst kein Smartphone bedienen können und auch nicht wissen, wie kinderleicht es ist, eine Übersetzungs-App zu installieren und zu nutzen, nehmen sie an, dass sich der Flüchtling für teures Geld einen Hochleistungscomputer gekauft hat. Was wieder mal beweist, wie wichtig Bildung ist. Wenn einer nicht informiert ist, kommt er/sie zu nichts als Fehleinschätzungen. Mit – in der Masse – verheerenden Folgen.

Exkurs: Im digitalen Zeitalter erweist es sich als erforderlich, dass für Menschen jenseits der 65 die Schulpflicht eingeführt wird. Konkret sollen zwei Semester an einer Volkshochschule Pflicht sein, wo es ununterbrochen um die Einführung in Funktionsweisen und Nutzung der gängigen digitalen Geräte gehen muss. Es ist mein Ernst. Schulpflicht für Minderjährige und Schulpflicht für Menschen ab 65, für letztere natürlich nur ein Jahr. Wer als rüstiger Rentner auf dem Rad durch die Eifel braust oder jedes Jahr nach Österreich in den Skiurlaub fährt, und auch wer gar nicht sportlich ist, der kann auch noch ein Schuljahr absolvieren, um in die digitale Welt eingeführt zu werden.

Ansonsten bleibt zu bedenken, dass zu uns nicht wenige Menschen kommen, die etwa in Syrien eine Firma, ein Geschäft oder zwei, ein Haus, ein Auto, Antiquitäten oder sonstiges Vererbtes, eine große, mit dem üblichen Wohlstand ausgestattete Familie und was weiß ich noch hatten und denen (von allem Wohlstand) allein ihr Smartphone geblieben ist. Ihnen dies jetzt sozusagen zu neiden, das kann ja wohl nicht wahr sein.

Im Unterricht mache ich Flüchtlinge darauf aufmerksam, dass und wo man in Aachen für wenig Geld ein gebrauchtes Smartphone kaufen kann. Sie sollen ins Internet  gelangen und sich via Google und Wikipedia die vielen Fragen beantworten, die sich in ihrem neuen Leben stellen. Ich sage ihnen das nicht so deutlich, aber ich bin der Überzeugung, dass man in Deutschland einen Zugang zum Internet haben muss wie man in der Wohnung an Strom und Wasser angeschlossen ist. Ohne geht es nicht.

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How to become a famous blogger

Viele jungendliche Flüchtlinge haben längst ein Smartphone, und daraus ergibt sich leider auch folgendes: Einige beschäftigen sich zu oft mit dem, was gerade in ihrer Heimat und in den Nachbarländern passiert. Sie sind über jeden Anschlag informiert, kennen genau die Zahl der Toten, wie viele Frauen, Männer, Kinder getötet wurden, wo die Bombe zu welchem Zeitpunkt explodiert ist und wer sie gezündet haben soll oder sich zu dem Anschlag bekannt hat. Es lässt sie nicht los, es macht sie wütend und furchtbar traurig.

Den Rat, diesen Dingen keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, kann auch mein Patenkind nicht befolgen. Der Junge ist davon so erschüttert, als sei dies alles in seiner Nähe passiert und nicht 8.000 Kilometer von Aachen entfernt. Mit vor Schrecken geweiteten Augen, mit lauter Stimme und in anklagendem Ton berichtet er aufgeregt von den aktuellen Anschlägen. Er liest dazu allerlei Texte, schaut sich Videos an und ist anhaltend so entsetzt, dass ich schon mehrfach dachte: So kann es nicht weitergehen.

Ich weiß auch nicht, warum er die Verbrechen der Taliban und IS so haarklein zur Kenntnis nimmt, es zieht ihn dermaßen runter . . . Er hält mir dann via Smartphone Bilder von zerbombten Häusern und Straßen unter die Nase. Und Bilder – von Betroffenen mittels Handy aufgenommen – die ich gar nicht sehen will und die in Deutschland auch kein TV-Sender und keine Zeitung zeigen würde.

Mir fällt nichts Besseres ein als zu sagen: „So sah es in Deutschland vor 70 Jahren auch aus, und schau: Jetzt ist alles wieder gut. Auch in Afghanistan wird eines Tages alles gut sein.“ – „Ja, aber, Frau Vallot“, sagt dann nach einer Weile das Patenkind, „wir haben in Afghanistan seit 30 Jahren Krieg . . .

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Zum Weiterlesen. „Flüchtlinge und teure Smartphones: Hetze ohne Fakten“

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(wird fortgesetzt)

Folge XIII findet ihr hier

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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