Den Doktor machen nur Bildungsbürger

Es ist echt was los auf der Welt und auch in Aachen. Hier hat gestern Karl Theodor zu Guttenzwerg – vertreten durch seinen Bruder Philipp – den Orden „Wider den tierischen Ernst“ verliehen bekommen. Das ist ein Karnevalsorden, der höchste der Republik, wie man so sagt. Und die Laudatio hat ein Dr. Rüttgers gehalten, der Vorjahres-Ordensträger und NRW-Ex-Ministerpräsident. Es muss alles sehr schrecklich gewesen sein.

Die Ordensritter waren ja schon immer echte Langweiler, aber diesmal hat man wirklich voll ins Klo gegriffen. Peinlich, weil man außerhalb Aachens immer darauf angesprochen wird, etwa im Urlaub: “Aachen? Aachen? Ist das nicht die Stadt, wo jedes Jahr diese langweilige Ordensverleihung stattfindet?”

Ja, damit müssen wir Aachener leben.

Aber wie sich das Bildungsbürgertum über diese Plagiate aufregt, das ist auch schön zu beobachten. Den Adeligen und Superreichen und den Prolls geht der Fall am Arsch vorbei. Aber das Bildungsbürgertum, das hängt quer unter der Decke. Weil ja die Bildung und die damit eventuell verbundenen Zertifikate das einzige sind, was sie haben. Keine Fabriken, keine Latifundien, keine Gold und Silberschätze, keine Millionen und Milliarden auf den Konten und keine dicken Aktienpakete. Nur die Bildung, die haben sie allerdings, und legen auch Wert darauf, dass die als Kapital anerkannt wird.

Und wenn jemand diese Titel mal so einfach in den Dreck zieht und sich nicht gleich verschämt in eine Ecke stellt, wenn er des Abschreibens überführt wird, dann ist der Bildungsbürger sauer.

Warum dieser millionenschwere Adelige überhaupt den Dr. vor seinem Namen haben wollte, ist mir ein Rätsel. Freiherr, Baron, Fürst und ich weiß nicht was, das reicht denen doch normalerweise. Das ist jetzt nicht hämisch gemeint, man lese mal von Pierre Bourdieu das Werk “Die feinen Unterschiede”. Da steht genau drin, welche kulturellen Vorlieben und Praktiken welche Bevölkerungsgruppen haben. Auch wenn die Kultur in Frankreich einen höheren Stellenwert hat, sind doch die Strukturen der Distinktion bei uns ähnlich. Insofern hat zu Guttenberg mit seiner Doktorarbeit, sei sie nun gekauft oder selbst irgendwie zusammengestellt, schon einen Schritt in ein Areal gemacht, in das er gar nicht hineingehört und das er lieber nicht betreten sollte. Er ist konsequent da gescheitert, wo der Bildungsbürger zuhause ist.

So siehts aus, im Moment.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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